Reflect with Juliane

Warum es so schwer ist, „Es tut mir leid“ zu sagen – und wie eine Entschuldigung Beziehungen wirklich heilen kann

Deine Erfahrung und Erlebnisse sowie deine Ziele stehen für mich an erster Stelle

Konflikte sind nicht das Problem. Panik ist es. Warum wir die Menschen, die wir am meisten lieben, verletzen – und wie das Verständnis unserer Überlebensstrategien unsere Beziehungen verändern kann

Die meisten Paare leiden nicht darunter, dass sie unterschiedliche Meinungen haben. Sie leiden darunter, dass während eines Streits einer oder beide in Panik geraten.

Anfangs geht es vielleicht um den Haushalt, Geld, die Kinder oder einen Termin. Doch irgendwann verändert sich etwas. Das Gespräch wird lauter, kälter oder emotionaler. Einer beginnt zu kritisieren, der andere zieht sich zurück. Einer versucht verzweifelt zu erklären, während der andere nur noch Vorwürfe hört. Hinterher fragen sich beide dieselbe Frage:

„Was ist da gerade mit uns passiert?“

Diese Frage begegnet mir in der Paartherapie immer wieder.

Die beruhigende Antwort lautet: Meist reagieren Sie gar nicht auf das eigentliche Thema. Sie reagieren auf das, was dieses Thema für Ihre Beziehung bedeutet.

Denn unter fast jedem schmerzhaften Konflikt liegen viel tiefere Fragen:

Bin ich dir noch wichtig?

Genüge ich dir?

Bleibst du an meiner Seite?

Bist du noch für mich da?

Sobald diese Fragen aktiviert werden, geht es nicht mehr darum, ein Problem zu lösen. Es geht darum, die Angst vor dem Verlust der emotionalen Verbindung zu bewältigen.

Viele Klientinnen und Klienten sagen zu mir: „Auf der Arbeit bin ich überhaupt nicht so.“ Andere erzählen: „Mit Freunden habe ich dieses Problem nie.“ Oder: „Ich kann überall schwierige Gespräche führen – nur mit meinem Partner nicht.“ Das ergibt Sinn. Unsere Partnerschaft aktiviert unser Bindungssystem wie kaum eine andere Beziehung. Gerade dort wünschen wir uns, gesehen, verstanden, angenommen und emotional sicher zu sein.

Wenn diese Sicherheit bedroht scheint, beginnt unser Nervensystem zu reagieren. Nicht mit Ruhe, sondern mit Überlebensstrategien. Deshalb fühlen sich Konflikte mit den Menschen, die wir lieben, oft viel intensiver an als alle anderen Konflikte in unserem Leben.

Jeder Konflikt besteht eigentlich aus drei Ebenen: mir, dir und dem eigentlichen Thema. Eine gute Kommunikation gelingt nur dann, wenn wir alle drei Ebenen im Blick behalten. Wir müssen verstehen, was ich brauche, was du brauchst und wie wir gemeinsam das eigentliche Problem lösen können. Sobald jedoch Panik entsteht, verlieren wir genau diese Fähigkeit. Dann geht es nicht mehr darum, einander zu verstehen, sondern darum, sich selbst zu schützen.

Dr. Sue Johnson, die Begründerin der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT), beschreibt drei zentrale Fragen, die unser Bindungssystem in belastenden Situationen stellt:

Bist du erreichbar?

Reagierst du auf mich?

Bleibst du emotional bei mir?

Im Englischen bilden diese Fragen das Akronym A.R.E. – Accessible, Responsive, Engaged.

Wenn wir diese drei Fragen mit „Ja“ beantworten können, bleibt unser Nervensystem meist ruhig genug, um gemeinsam Lösungen zu finden. Fühlt sich die Antwort jedoch wie ein „Nein“ an, springt unser inneres Alarmsystem an.

Diesen Moment beschreibe ich in der Therapie oft so:

„Jetzt sieht dein Partner nur noch Rot.“

Ab diesem Zeitpunkt streiten wir nicht mehr über das eigentliche Thema. Wir reagieren auf die Angst, den anderen emotional zu verlieren.

Familientherapeuten haben schon vor vielen Jahrzehnten erkannt, dass Menschen sich im Konflikt nicht einfach bewusst für bestimmte Verhaltensweisen entscheiden. Vielmehr greifen wir auf Strategien zurück, die uns früher geholfen haben, emotional zu überleben. Als Kinder ist Zugehörigkeit zu unserer Familie keine Option, sondern lebensnotwendig. Wenn diese Verbindung bedroht ist, entwickeln wir Möglichkeiten, sie wiederherzustellen.

Manche Kinder lernen, perfekt zu sein. Andere übernehmen Verantwortung für alle Gefühle in der Familie. Wieder andere lernen, dass Gefühle gefährlich sind und besser unterdrückt werden sollten. Manche erleben, dass Rückzug der sicherste Weg ist.

Diese Strategien waren damals kluge Anpassungsleistungen. Sie haben uns geholfen zu überleben. Im Erwachsenenalter können sie jedoch zu Hindernissen für echte Nähe werden. Auch schmerzhafte Erfahrungen in früheren Partnerschaften können diese Muster zusätzlich verstärken.

Diese Erkenntnisse bilden einen wichtigen Grundstein der systemischen Therapie. Konflikte entstehen selten durch eine einzelne Person. Sie entstehen in der Dynamik zwischen zwei Menschen.

Eine der bedeutendsten Familientherapeutinnen, die diese Dynamiken beschrieben hat, war Virginia Satir. Sie entwickelte vier typische Überlebenshaltungen, in die Menschen geraten, wenn sie sich emotional nicht mehr sicher fühlen. Keine dieser Haltungen ist besser oder schlechter als die andere. Keine ist gesund. Alle sind verständliche Reaktionen unseres Nervensystems auf Panik.

Der Ankläger (Blamer) richtet seine Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf den anderen. Er kritisiert, macht Vorwürfe und versucht häufig, Kontrolle zu übernehmen. Hinter der Kritik steckt jedoch oft die verzweifelte Hoffnung, endlich gesehen zu werden oder Anerkennung für die eigenen Bemühungen zu erhalten. Leider löst Kritik beim Gegenüber meist Verteidigung statt Nähe aus.

Der Beschwichtiger (Placater) richtet den Blick fast ausschließlich auf sich selbst. Er entschuldigt sich übermäßig, stimmt schnell zu und stellt die eigenen Bedürfnisse zurück. Viele dieser Menschen haben früh gelernt, dass Liebe davon abhängt, andere zufriedenzustellen. Sie wirken oft fürsorglich und selbstlos, verlieren dabei jedoch zunehmend den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen. Auf Dauer kann keine Beziehung funktionieren, wenn nur die Bedürfnisse eines Partners Platz haben.

Der Rationalisierer oder Problemlöser (Problem Solver) konzentriert sich fast ausschließlich auf das eigentliche Problem. Er sagt Sätze wie: „Lass uns das einfach lösen“, „Beruhige dich“ oder „Bleiben wir bei den Fakten.“ Im Berufsleben ist diese Fähigkeit oft eine große Stärke. In einer Partnerschaft reicht sie jedoch nicht aus. Bevor wir ein Problem lösen können, müssen wir uns emotional sicher fühlen. Wer sich emotional allein fühlt, erlebt Logik häufig nicht als Unterstützung, sondern als Distanz. Ironischerweise führt der Versuch, Gefühle zu beruhigen, oft dazu, dass sie noch stärker werden.

Der Vermeider (Avoider) versucht, der gesamten Situation zu entkommen. Manche verlassen den Raum. Andere bleiben körperlich anwesend, ziehen sich jedoch innerlich zurück. Manche schweigen. Andere lenken sich mit Arbeit, Humor, Sarkasmus, Fernsehen, sozialen Medien oder Suchtmitteln ab. Vermeidung bedeutet meist nicht, dass jemandem die Beziehung egal ist. Viel häufiger steckt dahinter die Überzeugung, dass Gefühle überwältigend oder gefährlich sind. Für den Partner fühlt sich dieser Rückzug jedoch oft wie Verlassenwerden an.

Das Wichtigste ist: Diese Muster beschreiben nicht, wer Sie sind. Sie beschreiben, was Ihr Nervensystem gelernt hat zu tun, wenn es glaubt, dass die Beziehung in Gefahr ist.

Ankläger haben häufig gelernt, dass Fehler nicht sicher sind. Beschwichtiger haben gelernt, dass Liebe verdient werden muss. Rationalisierer haben oft erfahren, dass Gefühle gefährlich sind und kontrolliert werden müssen. Vermeider haben gelernt, dass Konflikte überwältigend sind.

Es geht dabei nicht darum, Eltern oder frühere Partner verantwortlich zu machen. Es geht darum, sich selbst mit Mitgefühl zu verstehen.

Die vielleicht größte Ironie ist, dass alle vier Überlebenshaltungen dasselbe Ziel verfolgen: Verbindung.

Der Ankläger sucht Bestätigung.

Der Beschwichtiger sucht Annahme.

Der Rationalisierer sucht Stabilität.

Der Vermeider sucht Sicherheit.

Doch weil Panik diese Strategien starr werden lässt, erzeugen sie oft genau das, wovor wir uns am meisten fürchten: Distanz.

Wenn Paare mich fragen, wie sie besser kommunizieren können, überrascht sie meine Antwort häufig.

Das erste Ziel ist nicht bessere Kommunikation.

Das erste Ziel ist, die Panik zu beruhigen.

Erst wenn sich unser Nervensystem wieder reguliert, können wir neugierig werden. Erst dann können wir uns fragen: Was fühle ich gerade? Was fühlt mein Partner? Was brauchen wir beide? Erst dann können wir gemeinsam das eigentliche Problem lösen, anstatt gegeneinander zu kämpfen.

Konflikte sind nicht der Feind einer gesunden Beziehung.

Panik ist es.

Wenn wir unsere Überlebensstrategien mit Verständnis statt mit Scham betrachten, entsteht etwas viel Wertvolleres als perfekte Kommunikation. Es entsteht emotionale Sicherheit.

Und genau dort kann Liebe wachsen.

Literatur

Bowlby, J. (1988). A Secure Base: Parent-Child Attachment and Healthy Human Development. Basic Books.
Gottman, J. M., & Gottman, J. S. (2015). The Seven Principles for Making Marriage Work. Harmony Books.
Johnson, S. M. (2019). Attachment Theory in Practice. Guilford Press.
Satir, V. (1988). The New Peoplemaking. Science and Behavior Books.
Young-Eisendrath, P. (1996). The Resilient Spirit. Addison-Wesley.

Häufige Fragen (FAQ)

 

 

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