Reflect with Juliane

Warum es so schwer ist, „Es tut mir leid“ zu sagen – und wie eine Entschuldigung Beziehungen wirklich heilen kann

Deine Erfahrung und Erlebnisse sowie deine Ziele stehen für mich an erster Stelle

Es geht nie um die Zahnpasta. Warum Paare feststecken – und wie Beziehungsmuster unsere Konflikte bestimmen

Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben: „Warum führen wir eigentlich immer wieder denselben Streit?“, dann sind Sie damit nicht allein.

Viele Paare stellen fest, dass ihre Konflikte beinahe vorhersehbar sind. Das Thema verändert sich vielleicht – einmal geht es um den Haushalt, dann um die Kinder, Geld oder Intimität – und trotzdem endet das Gespräch immer wieder an derselben schmerzhaften Stelle. Die Worte mögen unterschiedlich sein, doch die Gefühle sind erstaunlich vertraut.

Forschende wie Dr. John und Dr. Julie Gottman konnten zeigen, dass bereits wenige Minuten der Konfliktkommunikation eines Paares mit bemerkenswerter Genauigkeit Aufschluss über die Stabilität einer Beziehung geben können. Der entscheidende Unterschied liegt dabei nicht darin, worüber Paare streiten, sondern wie sie miteinander umgehen, sobald ein Konflikt beginnt.

Wenn Sie meinen vorherigen Artikel „Konflikte sind nicht das Problem. Panik ist es.“ gelesen haben, wissen Sie bereits, dass nicht der Konflikt selbst Beziehungen belastet. Entscheidend ist der Moment, in dem unser Bindungssystem Alarm schlägt, unser Nervensystem in einen Überlebensmodus wechselt und wir nicht mehr aus Verbundenheit, sondern aus Panik reagieren.

In diesem Moment greifen wir auf vertraute Überlebensstrategien zurück – Verhaltensweisen, die wir häufig bereits in unserer Kindheit oder in früheren Beziehungen gelernt haben. Sie haben uns damals geholfen, emotional sicher zu bleiben. Heute führen sie jedoch oft genau dazu, dass wir uns von unserem Partner noch weiter entfernen.

Die Ironie von Beziehungskonflikten

Eine der größten Ironien in Beziehungen besteht darin, dass unsere Überlebensstrategien selten das bewirken, was wir uns eigentlich wünschen.

Stattdessen lösen sie häufig genau die Reaktion aus, vor der wir uns am meisten fürchten.

Der Partner, der verzweifelt versucht, wieder Nähe herzustellen, überfordert den anderen möglicherweise.

Der Partner, der sich zurückzieht, um den Streit zu beruhigen, verstärkt ungewollt die Angst des anderen, emotional verlassen zu werden.

Der Partner, der kritisiert, weil er endlich verstanden werden möchte, erhält stattdessen Verteidigung oder Gegenangriffe.

Der Partner, der sich für alles entschuldigt, löst beim anderen möglicherweise Schuldgefühle oder das Bedürfnis aus, noch mehr Abstand zu gewinnen.

Sehr schnell reagieren beide Partner nicht mehr wirklich aufeinander.

Sie reagieren auf die Panik in ihrem eigenen Inneren.

Genau an diesem Punkt hört das Gespräch auf.

Und ein Muster beginnt.

Das Muster ist das Problem

Einer der zentralen Gedanken der systemischen Therapie und der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) ist ebenso einfach wie befreiend:

Das Muster ist das Problem – nicht Sie und nicht Ihr Partner.

Viele Paare gelangen irgendwann zu der Überzeugung, dass der andere das eigentliche Problem sei.

„Wenn sie nur aufhören würde zu kritisieren …“

„Wenn er sich nur nicht ständig zurückziehen würde …“

„Wenn sie mir einfach zuhören würde …“

Dabei verfolgen beide meist dasselbe Ziel:

Sie möchten wieder Verbindung herstellen.

Nur versuchen sie dies auf völlig unterschiedliche Weise.

Diese unterschiedlichen Überlebensstrategien verstärken sich gegenseitig und entwickeln sich zu dem, was Dr. Sue Johnson „Demon Dialogues“ nennt – wiederkehrende Konfliktdynamiken, die irgendwann wie ein Eigenleben wirken. Esther Perel beschreibt diese Muster sehr treffend als die „Playlists“ einer Beziehung – vertraute emotionale Lieder, die immer wieder abgespielt werden.

Nach einiger Zeit braucht es keinen großen Auslöser mehr.

Ein kleiner Hinweisreiz (Cue) genügt.

Deshalb scherzen Paartherapeuten manchmal:

Niemand lässt sich wegen der Zahnpasta scheiden.

Die Zahnpasta ist lediglich der kleine Hinweisreiz, der das Paar in denselben schmerzhaften Tanz führt, den es bereits unzählige Male getanzt hat.

Vier häufige Konfliktmuster in Beziehungen

Dr. Sue Johnson beschreibt mehrere typische Konfliktmuster, die sich in Partnerschaften immer wieder beobachten lassen. Jede Beziehung ist einzigartig, dennoch tauchen diese Dynamiken erstaunlich häufig auf.

1. Angriff gegen Angriff – „Finde den Schuldigen“

Beide Partner greifen einander an.

Beide kritisieren.

Beide verteidigen sich.

Jeder versucht den anderen davon zu überzeugen, dass dieser für das Problem verantwortlich ist.

Niemand fühlt sich gehört.

Niemand fühlt sich sicher.

Aus dem Versuch, verstanden zu werden, wird ein Kampf darum, wer Recht hat.

Ironischerweise wünschen sich beide Partner eigentlich dasselbe:

Gesehen, verstanden und wertgeschätzt zu werden.

Doch je stärker der eine angreift, desto stärker schlägt der andere zurück.

Am Ende fühlen sich beide verletzt und voneinander entfernt.

2. Verfolger–Rückzug (Pursue–Withdraw)

Dies ist eines der häufigsten Konfliktmuster in der Paartherapie.

Ein Partner versucht mit aller Kraft, wieder Verbindung herzustellen. Er spricht das Thema immer wieder an, stellt Fragen, kritisiert, beschwert sich oder sucht erneut das Gespräch. Von außen wirkt dies häufig wie Nörgeln oder Kontrollverhalten.

Unter diesem Verhalten steckt jedoch meist etwas ganz anderes:

„Bitte geh mir emotional nicht verloren.“

Der andere Partner erlebt diese Intensität häufig als überwältigend.

Anstatt sich weiter auf das Gespräch einzulassen, beginnt er sich zurückzuziehen.

Er wird stiller.

Er vermeidet Blickkontakt.

Er verlässt den Raum.

Er versucht, sich selbst zu beruhigen, indem er Abstand schafft.

Dieser Rückzug wird häufig als Desinteresse interpretiert.

Doch meistens stimmt genau das Gegenteil.

Der Partner kümmert sich sehr wohl.

Er weiß nur nicht mehr, wie er emotional erreichbar bleiben kann, wenn er sich überfordert fühlt.

Je mehr der eine verfolgt, desto mehr zieht sich der andere zurück.

Je mehr sich der eine zurückzieht, desto verzweifelter versucht der andere wieder Nähe herzustellen.

Beide erhalten genau das Gegenteil dessen, was sie sich eigentlich wünschen.

3. Erstarren und Rückzug (Freeze-and-Flee)

Manchmal hören Paare auf zu streiten.

Zunächst wirkt das wie eine positive Entwicklung.

Es gibt weniger Konflikte.

Weniger Spannung.

Mehr Ruhe.

Auch das Umfeld glaubt oft, dass sich die Beziehung verbessert hat.

In Wirklichkeit kann dies jedoch eine der gefährlichsten Phasen sein.

Denn der Konflikt wurde nicht gelöst.

Beide haben lediglich aufgehört zu kämpfen.

Die Hoffnung schwindet langsam.

Gespräche werden oberflächlich.

Die emotionale Distanz wächst.

Ironischerweise war der Partner, der früher immer wieder das Gespräch gesucht hat, oft derjenige, der die Beziehung noch zusammengehalten hat.

Wenn auch dieser Partner aufgibt, steigt das Risiko einer Trennung deutlich.

Die Beziehung ist nicht friedlicher geworden.

Sie ist emotional leer geworden.

4. Nähe–Ambivalenz-Zyklus

In diesem Muster sehnt sich ein Partner sehr nach Nähe.

Sobald diese Nähe jedoch tatsächlich entsteht, fühlt sie sich plötzlich bedrohlich an.

Die eigene Verletzlichkeit wird zur Gefahr.

Der Partner reagiert defensiv, schafft wieder Distanz oder stößt den anderen zurück.

Der andere Partner zieht sich nach vielen Zurückweisungen schließlich ebenfalls zurück.

Dieses Muster findet sich häufig bei Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Bindungsorganisation.

Es sorgt für große Verwirrung, weil sich beide Partner Nähe wünschen – und doch verhindert gerade die Angst vor Verletzung immer wieder genau diese Nähe.

Warum diese Muster immer stärker werden

Je häufiger Paare dieselbe Dynamik wiederholen, desto automatischer läuft sie ab.

Das Nervensystem lernt den Ablauf.

Schon kleine Hinweisreize reichen aus, um alte Erwartungen zu aktivieren.

Partner reagieren dann nicht mehr auf das, was tatsächlich gerade geschieht.

Sie reagieren auf das, was sie erwarten.

Das Gespräch dreht sich immer weniger um den gegenwärtigen Moment und immer mehr um all die Verletzungen der Vergangenheit.

Deshalb verstärken sich diese Konfliktmuster häufig mit der Zeit – solange sie nicht bewusst erkannt und unterbrochen werden.

Wie können wir diese Muster verändern?

Der Weg aus einem Konfliktmuster beginnt nicht mit besseren Argumenten.

Er beginnt mit Verständnis.

Der erste Schritt besteht darin zu erkennen, dass das Muster der eigentliche Gegner ist – nicht der Partner.

Der zweite Schritt besteht darin zu erkennen, dass beide versuchen, den Schmerz zu beenden, auch wenn sie dies auf sehr unterschiedliche Weise tun.

Der dritte Schritt ist echte Neugier.

Nicht mehr die Frage:

„Warum verhältst du dich so?“

Sondern:

„Wovor hast du gerade Angst?“

Wenn wir beginnen, die tieferen Ängste unseres Partners zu verstehen, verändert sich das Gespräch.

Es wird sicherer.

Schließlich hilft es, sich immer wieder bewusst zu machen:

Ihr seid nicht Gegner.

Ihr seid ein Team.

Beide versuchen, die Beziehung zu schützen.

Keiner möchte in diesen schmerzhaften Mustern feststecken.

Manchmal reicht dieses gemeinsame Verständnis bereits aus, um erste Veränderungen anzustoßen.

Manchmal ist es hilfreich, sich professionelle Unterstützung zu holen, um diese Dynamiken frühzeitig zu erkennen und neue Wege zu lernen, miteinander statt gegeneinander umzugehen.

Verstehen Sie Ihr Beziehungsmuster

Der erste Schritt, um einen belastenden Konfliktkreislauf zu verändern, besteht darin, ihn überhaupt zu erkennen.

Sobald Sie Ihr Muster benennen können, können Sie beginnen, gemeinsam gegen das Muster zu arbeiten – statt gegeneinander.

Dafür habe ich einen Fragebogen zu Beziehungskonfliktmustern entwickelt, der auf systemischer Therapie, Emotionsfokussierter Paartherapie (EFT) und der Bindungstheorie basiert.

Hier gelangen Sie zum Fragebogen:

https://forms.gle/s6sMyw2DHqSK92it7

Nach dem Ausfüllen werte ich Ihre Antworten aus und sende Ihnen eine Einschätzung Ihres wahrscheinlichsten Konfliktmusters sowie erste Anregungen, wie Sie diesen Kreislauf durchbrechen können. Wenn Sie eine ausführlichere Auswertung wünschen, können Sie zusätzlich einen individuellen Bericht mit konkreten Empfehlungen anfordern.

Literatur

Bowlby, J. (1988). A Secure Base. Basic Books.
Gottman, J. M., & Gottman, J. S. (2015). The Seven Principles for Making Marriage Work. Harmony Books.
Johnson, S. M. (2008). Hold Me Tight. Little, Brown Spark.
Johnson, S. M. (2019). Attachment Theory in Practice. Guilford Press.
Perel, E. (2017). The State of Affairs. HarperCollins.

Häufige Fragen (FAQ)

 

 

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