„Die Qualität einer Beziehung entscheidet sich nicht daran, ob wir Fehler machen – sondern daran, wie wir danach wieder zueinander finden.“
Eine der häufigsten Fragen, die mir in meiner Arbeit als Therapeutin begegnet, lautet:
„Wie entschuldige ich mich eigentlich richtig?“
Eigentlich wirkt diese Frage ganz einfach.
Schliesslich lernen wir bereits als Kinder, dass wir „Entschuldigung“ sagen sollen. Die meisten Menschen würden sogar behaupten, dass sie grundsätzlich bereit sind, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen.
Und doch passiert häufig etwas Merkwürdiges.
Gerade dann, wenn wir einen Menschen verletzt haben, den wir lieben, fällt uns genau das unglaublich schwer.
Warum?
Weil eine Entschuldigung viel mehr ist als das Eingeständnis eines Fehlers.
Sie fordert uns auf, unserer eigenen Unvollkommenheit zu begegnen – und gleichzeitig in Beziehung zu bleiben.
Sie verlangt von uns, verletzlich zu sein, obwohl unser ganzes Nervensystem sich eigentlich schützen möchte.
Für mich ist eine Entschuldigung deshalb einer der mutigsten Schritte in einer Beziehung.
Nicht, weil sie perfekte Worte braucht.
Sondern weil sie echte Verletzlichkeit verlangt.
Viele von uns sind mit der Überzeugung aufgewachsen, dass Fehler möglichst vermieden werden sollten.
In der Schule wurden Fehler benotet.
Im Beruf können sie Karrieren beeinflussen.
Und in den sozialen Medien begegnen wir täglich Bildern von Menschen, die scheinbar alles im Griff haben.
Unsere Gesellschaft vermittelt häufig eine Botschaft:
Wenn du dich nur genug anstrengst, genug an dir arbeitest und alles richtig machst, kannst du alles erreichen.
Diese Haltung bleibt nicht vor der Haustür stehen.
Sie findet ihren Weg auch in unsere Beziehungen.
Plötzlich glauben wir, eine gute Partnerin, ein guter Partner, eine gute Mutter, ein guter Vater oder eine gute Freundin zu sein bedeute, möglichst niemanden zu verletzen.
Dass gesunde Beziehungen möglichst konfliktfrei sein müssten.
Dass jeder Fehler etwas über unseren Wert als Mensch aussagt.
Kein Wunder also, dass Entschuldigungen sich so bedrohlich anfühlen.
Denn wenn ein Fehler bedeutet:
„Ich bin nicht gut genug.“
dann fühlt sich eine Entschuldigung nicht mehr wie Verantwortungsübernahme an, sondern wie ein Beweis für unsere schlimmsten Selbstzweifel.
Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) nach Dr. Sue Johnson beschreibt Konflikte auf eine zutiefst menschliche Weise.
Hinter einem Streit über den Haushalt, eine vergessene Nachricht oder einen unbedachten Kommentar stehen selten diese Themen selbst.
Viel häufiger werden tiefere Fragen berührt:
Bin ich dir wichtig?
Kann ich mich auf dich verlassen?
Siehst du mich?
Bin ich für dich noch sicher?
Wenn diese Bindungsbedürfnisse bedroht werden, reagiert unser Nervensystem.
Nicht mit Ruhe.
Sondern mit Schutz.
Manche Menschen werden laut.
Andere ziehen sich zurück.
Manche erklären.
Andere greifen an.
Wieder andere verstummen vollständig.
Diese Reaktionen bedeuten meist nicht, dass wir den anderen nicht lieben.
Sie sind vielmehr der verzweifelte Versuch unseres Nervensystems, Nähe aufrechtzuerhalten und sich gleichzeitig vor weiterem Schmerz zu schützen.
Allein dieses Verständnis verändert den Blick auf Konflikte grundlegend.
Die Frage lautet nicht mehr:
„Wer hat Recht?“
Sondern:
„Was ist gerade in jedem von uns passiert?“
Sobald unser Nervensystem in Alarmbereitschaft ist, fällt eine Entschuldigung ausserordentlich schwer.
Nicht weil wir nicht verantwortlich sein möchten.
Sondern weil Angst übernimmt.
Die Angst, zurückgewiesen zu werden.
Die Angst, nicht mehr geliebt zu werden.
Die Angst, den anderen zu verlieren.
Oder die Angst, mit einem Fehler gleichzeitig den eigenen Wert infrage zu stellen.
Dann hören wir uns Sätze sagen wie:
„Das war doch gar nicht so gemeint.“
„Du übertreibst.“
„Das hast du falsch verstanden.“
„Aber du hast doch auch …“
Diese Sätze entstehen häufig nicht aus Boshaftigkeit.
Sie entstehen aus Selbstschutz.
Das Problem ist nur:
Was unseren eigenen Schmerz kurzfristig beruhigt, vergrössert oft den Schmerz unseres Gegenübers.
Carl Rogers hat einmal beschrieben, dass Menschen sich vor allem dann verändern können, wenn sie sich angenommen fühlen.
Genau das gilt auch für Beziehungen.
Unsere Partnerinnen und Partner brauchen keine Perfektion.
Sie brauchen Echtheit.
Sie brauchen emotionale Erreichbarkeit.
Sie brauchen das Gefühl:
„Wenn ich verletzt bin, bleibst du trotzdem bei mir.“
Esther Perel formuliert es wunderschön:
„In einer Beziehung gibt es ein Wort, das man kaum zu oft sagen kann: Sorry.“
Ich könnte dem kaum mehr zustimmen.
Eine aufrichtige Entschuldigung schwächt eine gesunde Beziehung nicht.
Sie stärkt sie.
Denn sie sagt:
„Unsere Beziehung ist mir wichtiger als mein Stolz.“
Eine der grössten Fehlannahmen über glückliche Beziehungen ist die Vorstellung, dass gesunde Paare sich möglichst nie verletzen.
Das stimmt nicht.
Alle Paare verletzen einander.
Immer wieder.
Der Unterschied liegt nicht im Fehler.
Sondern darin, was danach passiert.
John und Julie Gottman beschreiben sogenannte Repair Attempts – also Versuche der Wiedergutmachung – als einen der stärksten Prädiktoren für langfristig stabile Beziehungen.
Reparatur macht den Fehler nicht ungeschehen.
Aber sie stellt emotionale Sicherheit wieder her.
Sie vermittelt:
„Ich bin da.“
„Ich sehe deinen Schmerz.“
„Lass uns gemeinsam wieder zueinander finden.“
Ein Missverständnis begegnet mir besonders häufig.
Viele Menschen glauben:
„Ich habe mich doch entschuldigt.“
„Warum reden wir immer noch darüber?“
Doch genau hier beginnt häufig das eigentliche Missverständnis.
Eine Entschuldigung ist kein Schlusspunkt.
Sie ist eine Einladung.
Nicht dazu, den Schmerz möglichst schnell zu vergessen.
Sondern dazu, überhaupt erst gemeinsam über den Schmerz sprechen zu können.
Oft beginnt das eigentliche Gespräch erst nach dem „Es tut mir leid“.
In meiner therapeutischen Arbeit orientiere ich mich unter anderem am Journey of Forgiveness von Michael Cohen.
Er erinnert uns daran, dass eine Entschuldigung nur ein Teil eines viel grösseren Prozesses ist.
Vergebung ist kein einmaliges Ereignis.
Sie ist ein gemeinsamer Weg.
Bevor wir überhaupt um Verzeihung bitten, brauchen wir zunächst etwas anderes:
Allein daran wird deutlich:
Der Satz „Es tut mir leid“ ist nur ein kleiner Teil von echter Wiedergutmachung.
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