Reflect with Juliane

Bindung ist kein Etikett – Warum wir die Bindungstheorie häufig missverstehen

Deine Erfahrung und Erlebnisse sowie deine Ziele stehen für mich an erster Stelle

Bindung ist nichts, was wir einfach haben. Sie entsteht immer wieder neu – in Beziehung.

„Er ist vermeidend gebunden.“

„Sie ist ängstlich.“

„Ich bin inzwischen sicher gebunden.“

„Deshalb funktioniert unsere Beziehung nicht.“

Kaum eine psychologische Theorie hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die Bindungstheorie. In sozialen Medien begegnen uns unzählige Tests, die versprechen, unseren Bindungsstil zu bestimmen. Es gibt Videos darüber, wie man vermeidend gebundene Menschen erkennt oder wie man endlich „sicher gebunden“ wird.

Es ist wunderbar, dass die Bindungstheorie heute so viele Menschen erreicht.

Und gleichzeitig bereitet mir diese Entwicklung Sorge.

Denn immer häufiger wird Bindung wie ein Persönlichkeitsmerkmal verstanden – als würden wir Menschen mit einem Etikett versehen, das erklärt, wer sie sind und wie sie lieben.

Genau das erlebe ich auch in meiner therapeutischen Arbeit.

Menschen sagen zu mir:

„Ich wünschte, ich wäre nicht so ängstlich.“

„Vielleicht werde ich nie eine glückliche Beziehung führen können, weil ich vermeidend bin.“

„Ich bin inzwischen sicher gebunden, aber mein Partner nicht.“

Hinter diesen Aussagen steckt oft Scham.

Selbstkritik.

Oder auch die Bewertung des Partners.

Doch genau dafür war die Bindungstheorie nie gedacht.

Sie wurde nicht entwickelt, um Menschen in Kategorien einzuteilen.

Sie wurde entwickelt, um Beziehungen zu verstehen.

Sie hilft uns zu verstehen, wie wir lernen, mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit der Welt in Beziehung zu treten – und wie sich diese Art, in Beziehung zu sein, unser ganzes Leben lang weiterentwickeln kann.

Vielleicht besteht das größte Missverständnis darin, dass wir glauben, Bindung sei etwas, das wir besitzen.

Dabei gilt vielmehr:

Bindung ist nichts, was wir einfach haben. Sie entsteht immer wieder neu – in Beziehung.

Und genau das macht die Bindungstheorie zu einer der hoffnungsvollsten Theorien der Psychologie.

Denn wenn Beziehungen uns geprägt haben, dann können Beziehungen uns auch heilen.

Bindung beschreibt eines unserer tiefsten menschlichen Bedürfnisse

Für mich als Therapeutin gehört die Bindungstheorie zu den wichtigsten Modellen überhaupt, wenn wir menschliches Verhalten verstehen möchten.

Kaum eine Theorie erklärt so umfassend, warum wir denken, fühlen und handeln, wie wir es tun. Sie beschreibt, wie sich unsere sogenannten inneren Arbeitsmodelle entwickeln – jene tiefen Überzeugungen darüber, wer wir selbst sind, wie andere Menschen auf uns reagieren und wie sicher oder unsicher die Welt ist. John Bowlby bezeichnete diese inneren Modelle als Grundlage dafür, wie wir später Nähe, Vertrauen, Konflikte und Liebe erleben.

Im Kern beschäftigt sich die Bindungstheorie mit einem unserer grundlegendsten Bedürfnisse: dem Bedürfnis nach Verbundenheit.

Bindungsforscher beschreiben den Menschen häufig als ein Wesen, das für Bindung geschaffen ist. Von Geburt an suchen wir Schutz, Nähe und Trost bei anderen Menschen.

Wäre das bloße Überleben unser wichtigster biologischer Antrieb, würde wohl kaum ein Elternteil instinktiv in ein brennendes Haus laufen, um das eigene Kind zu retten.

Bindung ist kein Luxus.

Bindung ist Überleben.

Gerade deshalb gehört die Bindungstheorie bis heute zu den bedeutendsten psychologischen Ansätzen.

Die frühe Bindungsforschung beschäftigte sich vor allem damit, wie sich Bindungsmuster in der Kindheit entwickeln.

Heute wissen wir jedoch deutlich mehr.

Erstens endet Bindung nicht mit der Kindheit. Unsere erwachsenen Liebesbeziehungen gehören zu den wichtigsten Bindungsbeziehungen unseres gesamten Lebens.

Zweitens ist Bindung nicht statisch. Unser Nervensystem bleibt ein Leben lang lernfähig. Durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Verlässlichkeit und emotionaler Verbundenheit können sich unsere Bindungsmuster verändern. Therapie schafft solche korrigierenden Erfahrungen – ebenso können liebevolle Partnerschaften dazu beitragen.

Und drittens – vielleicht der wichtigste Gedanke:

Bindung existiert nicht nur in uns.

Sie entsteht zwischen uns.

Als systemische Therapeutin berührt mich genau dieser Gedanke besonders.

Wir formen uns gegenseitig – in jedem Gespräch, jeder Begegnung und jeder Beziehung.

Seit ich in Südafrika lebe, begleitet mich außerdem die Philosophie des Ubuntu.

„Ich bin, weil wir sind.“

Für mich bringt kaum ein Satz die Bindungstheorie besser auf den Punkt.

Wir werden nicht allein zu dem Menschen, der wir sind.

Wir werden es in Beziehung.

Bindung entsteht zwischen Menschen

Eine der spannendsten Entwicklungen der modernen Bindungsforschung besteht darin, dass Bindung heute zunehmend als ein gemeinsamer Prozess verstanden wird.

Dr. Sue Johnson beschreibt in ihrem Buch Halt mich fest (Hold Me Tight) eindrucksvoll, dass sichere Bindung nicht einfach etwas ist, das wir aus unserer Kindheit mitbringen.

Sie entsteht immer wieder neu.

In tausenden kleinen Momenten.

Wenn wir füreinander da sind.

Wenn wir einander trösten.

Wenn wir nach einem Streit wieder aufeinander zugehen.

Wenn wir uns zeigen und angenommen werden.

Auch die Neurowissenschaft bestätigt diese Sichtweise.

James Coan konnte in seinen bekannten Studien zeigen, dass bereits das Halten der Hand eines vertrauten Menschen ausreicht, um die Aktivität in jenen Hirnarealen zu reduzieren, die für Angst und Bedrohung zuständig sind.

Allein die Anwesenheit einer emotional verlässlichen Person verändert die Art und Weise, wie unser Nervensystem auf Stress reagiert.

Sicherheit ist deshalb keine rein individuelle Eigenschaft.

Sie entsteht in Beziehung.

Unser Nervensystem stellt fortlaufend dieselben Fragen:

„Bin ich allein?“

„Kann ich mich auf dich verlassen?“

„Bist du für mich da, wenn ich dich brauche?“

Natürlich prägen unsere frühen Erfahrungen die Erwartungen, mit denen wir später Beziehungen eingehen.

Doch diese Erwartungen werden in jeder neuen Beziehung bestätigt, infrage gestellt oder verändert.

Deshalb werde ich immer hellhörig, wenn Klientinnen oder Klienten sagen:

„Ich muss mich erst selbst reparieren, bevor ich eine Beziehung führen kann.“

Natürlich kann Einzeltherapie unglaublich wertvoll sein.

Doch gerade Liebesbeziehungen sind oft einer der wichtigsten Orte für Heilung.

Liebe fordert uns heraus.

Sie aktiviert unsere tiefsten Ängste vor Ablehnung, Verlassenwerden und Einsamkeit.

Und gleichzeitig schenkt sie uns etwas Einzigartiges.

Die Erfahrung, dass jemand bleibt.

Dass jemand uns tröstet.

Dass jemand nach einem Konflikt wieder auf uns zugeht.

Dass jemand sich immer wieder für uns entscheidet.

John und Julie Gottman sprechen hier vom „Turning Towards“ – den vielen kleinen Momenten, in denen wir uns einander zuwenden und dadurch Vertrauen entstehen lassen.

Gesunde Beziehungen sind deshalb nicht nur der Ort, an dem sich Bindung zeigt.

Sie sind der Ort, an dem Bindung wächst.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:

„Welchen Bindungsstil habe ich?“

und stattdessen häufiger fragen:

„Welche Art von Bindung erschaffen wir miteinander?“

Mehr als ein Etikett

Wenn wir Bindung als etwas Dynamisches verstehen, verändert sich auch unser Blick auf uns selbst.

Viele Menschen erleben sich in einer Beziehung sicher, ruhig und verbunden.

In einer anderen Beziehung fühlen sie sich plötzlich ängstlich, zurückgezogen oder unsicher.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich ihre Persönlichkeit verändert hat.

Es bedeutet vielmehr, dass Beziehungen unterschiedliche Seiten unseres Nervensystems aktivieren können.

Bindung reagiert auf Sicherheit.

Auf Verlässlichkeit.

Auf Vertrauen.

Auf gelingende Versöhnung.

Diese Erkenntnis bringt vielen Menschen eine enorme Erleichterung.

Aus der Frage

„Was stimmt nicht mit mir?“

wird die viel hilfreichere Frage:

„Was passiert mit mir in dieser Beziehung?“

Scham weicht Neugier.

Und genau dort beginnt Veränderung.

Gleichzeitig erinnert uns die Forschung daran, wie bedeutsam sichere Beziehungen für unser gesamtes Leben sind.

Sie fördern nicht nur unsere psychische Gesundheit.

Sie verbessern unsere Stressregulation, stärken unsere körperliche Gesundheit, erhöhen unsere Resilienz und tragen nachweislich zu einem längeren und gesünderen Leben bei.

Gesunde Beziehungen werden damit buchstäblich Teil unserer Biologie.

Was bedeutet das für Therapie?

Wenn wir Bindung als einen dynamischen, gemeinsamen Prozess verstehen, verändert sich auch die therapeutische Arbeit.

Dann interessiert mich nicht in erster Linie die Frage:

„Welchen Bindungsstil haben Sie?“

Sondern vielmehr:

  • Wann fühlen Sie sich emotional sicher?
  • Was geschieht zwischen Ihnen, wenn Konflikte entstehen?
  • Welche Begegnungen lassen Sie sich verbunden fühlen?
  • Welche Situationen lösen Angst, Rückzug oder Einsamkeit aus?
  • Welche neuen Erfahrungen könnte Ihr Nervensystem machen?

Therapie bedeutet deshalb weit mehr als Erkenntnis.

Erkenntnis ist wichtig.

Doch Einsicht allein verändert unser Nervensystem nur selten.

Menschen brauchen nicht nur neue Gedanken.

Sie brauchen neue Erfahrungen.

Sie brauchen Momente, in denen sie erleben:

„Wenn ich meine Angst zeige, bleibt jemand bei mir.“

„Wenn ich Trost brauche, antwortet jemand.“

„Wenn wir streiten, können wir uns wiederfinden.“

Genau diese Erfahrungen verändern Schritt für Schritt unsere Erwartungen an Beziehungen.

In der Psychotherapie sprechen wir von korrigierenden emotionalen Erfahrungen.

Heilung entsteht nicht dadurch, dass wir Bindung theoretisch verstanden haben.

Sie entsteht dadurch, dass unser Nervensystem etwas Neues erlebt.

Vielleicht liegt genau darin das größte Geschenk der Bindungstheorie.

Sie erinnert uns daran, dass wir keine isolierten Individuen sind, die allein lernen müssen, sicher gebunden zu werden.

Wir sind Beziehungswesen.

Wir werden zu dem Menschen, der wir sind, durch unsere Beziehungen.

John Bowlby zeigte uns, dass der Mensch auf Bindung angelegt ist.

Sue Johnson erinnert uns daran, dass Liebe kein Luxus, sondern ein grundlegendes Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit ist.

Und Ubuntu sagt:

„Ich bin, weil wir sind.“

Obwohl diese Gedanken aus unterschiedlichen Kulturen und wissenschaftlichen Traditionen stammen, erzählen sie dieselbe Geschichte.

Wir werden nicht allein zu dem Menschen, der wir sind.

Wir werden es in Beziehung.

Bindung ist nichts, was wir einfach haben.

Sie entsteht immer wieder neu.

In jedem Gespräch.

In jeder Versöhnung.

In jeder mutigen Begegnung.

In jedem Moment, in dem wir uns füreinander entscheiden.

Denn Beziehungen zeigen nicht nur, wer wir sind.

Sie formen auch, wer wir werden können.

Häufige Fragen (FAQ)

 

 

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