Reflect with Juliane

Transformationsreise: Meinung – Wie du dich zeigst und wofür du stehst

Deine Erfahrung und Erlebnisse sowie deine Ziele stehen für mich an erster Stelle

Die eigene Wahrheit zu sprechen, Grenzen zu setzen und zu lernen, wann man handelt und wann man akzeptiert, sind zentrale Säulen des psychologischen Wohlbefindens. In verschiedenen psychologischen Disziplinen gibt es starke und zunehmend wachsende Belege dafür, dass chronische Selbstunterdrückung keine neutrale Bewältigungsstrategie ist, sondern ein signifikanter Risikofaktor für emotionalen Stress, Beziehungsprobleme und körperliche Erkrankungen.

Forschungen zu People-Pleasing und übermäßiger Gefälligkeit zeigen, dass Menschen, die routinemäßig die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen stellen, höhere Stresslevel, Angstzustände, depressive Symptome und emotionale Erschöpfung erleben. Dieses Muster wird oft durch frühe Beziehungserfahrungen geprägt, bei denen Sicherheit, Liebe oder Zugehörigkeit an Bedingungen wie Gefügigkeit, Anpassungsfähigkeit oder emotionale Zurückhaltung geknüpft waren. Mit der Zeit verbleibt das Nervensystem in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, ständig auf der Suche nach Anzeichen von Missbilligung, was die Stressreaktion dauerhaft aktiviert (Keltner et al., 2014; Van der Kolk, 2014).

Gabor Maté betont wiederholt, dass der Körper „mitschreibt“, wenn emotionale Wahrheit konsequent geleugnet wird. Er hebt hervor, dass nicht nur die Präsenz von Stress die Gesundheit beeinflusst, sondern auch das Fehlen authentischen Selbstausdrucks. Wenn Menschen Ärger, Trauer, Angst oder Wünsche unterdrücken – besonders schon in jungen Jahren – können sie schließlich das bewusste Erleben dieser Signale vollständig verlieren. Dieser Verlust interozeptiver Wahrnehmung schwächt die Fähigkeit zur Selbstregulation, zur Entscheidungen im Einklang mit sich selbst und zum Selbstschutz, wodurch die Anfälligkeit für Autoimmunerkrankungen, chronische Schmerzen und stressbedingte Krankheiten steigt (Maté, 2022).

Forschung zur Emotionsregulation unterstützt diese Perspektive. Die Unterdrückung von Emotionen führt nachweislich zu einer erhöhten physiologischen Erregung statt zu deren Reduktion, was höhere Cortisolwerte, verstärkte kardiovaskuläre Belastung und reduzierte Immunfunktion zur Folge hat. Im Gegensatz dazu ist emotionaler Ausdruck und Akzeptanz mit niedrigeren physiologischen Stressmarkern und verbesserten langfristigen Gesundheitsergebnissen verbunden (Gross & John, 2003; Pennebaker & Chung, 2011).

Nicht ausgedrückte Wahrheit verschwindet nicht – sie akkumuliert. Wenn Menschen wiederholt zurückhalten, was sie fühlen oder brauchen, baut sich oft unterschwelliger Ärger auf, der sich als Schwere, Reizbarkeit, Taubheit oder Müdigkeit äußert. Dieser Ärger ist an sich nicht pathologisch. Psychologische Forschung betrachtet Ärger zunehmend als „Grenz-Emotion“ – ein Signal, dass etwas wichtig ist, eine Grenze überschritten wurde oder Handeln erforderlich ist. Probleme entstehen, wenn Ärger nicht direkt und sicher ausgedrückt werden kann und sich entweder nach außen in Aggression oder nach innen in Selbstkritik, Scham und somatische Symptome verlagert (Lerner & Tiedens, 2006).

Die relationalen Konsequenzen unterdrückter Wahrheit sind ebenso gut dokumentiert. Menschen, die ihre Bedürfnisse opfern, um Harmonie aufrechtzuerhalten, werden mit der Zeit oft nachtragend, emotional distanziert oder passiv-aggressiv. Intimität erodiert nicht aufgrund von Konflikten, sondern weil Authentizität fehlt. Studien zur Beziehungszufriedenheit zeigen, dass Menschen mit klaren Grenzen und der Fähigkeit, Bedürfnisse auszudrücken, stabilere und zufriedenstellendere Beziehungen erleben. Indem sie für sich selbst einstehen, schaffen sie emotional sicherere und nachhaltigere Beziehungen, was Engagement und langfristige Verbundenheit erhöht (Overall & Simpson, 2015).

Wichtig ist, dass das Setzen von Grenzen nicht mit Egoismus oder Beziehungsstörungen verbunden ist. Im Gegenteil, durchsetzungsfähige Kommunikation und klare Limits stehen im Zusammenhang mit größerem gegenseitigen Respekt, geringerer Eskalation von Konflikten und höherer emotionaler Nähe. Menschen, die Nein sagen können, ohne übermäßige Schuldgefühle zu empfinden, bleiben eher engagiert und präsent in Beziehungen, während Menschen ohne Grenzen oft zurückziehen oder Abstand suchen, um sich zu schützen (Rogers et al., 2018).

Aus systemischer Perspektive ist die Fähigkeit, zu unterscheiden, was verändert werden kann und was akzeptiert werden muss, ebenso entscheidend. Akzeptanz bedeutet nicht Resignation oder Passivität, sondern die realistische Anerkennung von Grenzen, damit Energie dort eingesetzt werden kann, wo Handlungsfähigkeit möglich ist. Psychologische Flexibilität – die Fähigkeit, Unbehagen auszuhalten, Wahrheit auszudrücken, zu handeln und Grenzen zu akzeptieren – wurde als zentraler Prädiktor für mentale Gesundheit, Resilienz und Lebenszufriedenheit identifiziert (Hayes et al., 2006).

Zusammengefasst zeigen die Forschungsergebnisse eindeutig: Die eigene Wahrheit zu sprechen, Grenzen zu setzen, dort zu handeln, wo Veränderung möglich ist, und zu akzeptieren, was nicht verändert werden kann, sind keine optionalen Fähigkeiten für Wohlbefinden. Sie sind grundlegend für psychische Gesundheit, körperliche Gesundheit und sinnvolle Beziehungen. Journaling und reflektierende Praktiken können diesen Prozess unterstützen, indem sie helfen, die inneren Signale wieder wahrzunehmen, die eigene Wahrheit zu artikulieren und bewusst zu wählen, wie man sich selbst und anderen gegenüber verhalten möchte.

Literaturverzeichnis

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “what” and “why” of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.

Gross, J. J., & John, O. P. (2003). Individual differences in two emotion regulation processes: Implications for affect, relationships, and well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 85(2), 348–362.

Hayes, S. C., Luoma, J. B., Bond, F. W., Masuda, A., & Lillis, J. (2006). Acceptance and commitment therapy: Model, processes and outcomes. Behaviour Research and Therapy, 44(1), 1–25.

Keltner, D., Gruenfeld, D. H., & Anderson, C. (2014). Power, approach, and inhibition. Psychological Review, 110(2), 265–284.

Lerner, J. S., & Tiedens, L. Z. (2006). Portrait of the angry decision maker: How appraisal tendencies shape anger’s influence on cognition. Journal of Behavioral Decision Making, 19(2), 115–137.

Maté, G. (2022). The myth of normal: Trauma, illness, and healing in a toxic culture. Knopf Canada.

Overall, N. C., & Simpson, J. A. (2015). Regulation processes in close relationships. Current Opinion in Psychology, 1, 1–6.

Pennebaker, J. W., & Chung, C. K. (2011). Expressive writing: Connections to physical and mental health. In H. S. Friedman (Ed.), The Oxford handbook of health psychology (pp. 417–437). Oxford University Press.

Van der Kolk, B. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.

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