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Scham überwinden, um Heilung zu finden

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Scham überwinden, um Heilung zu finden

Scham ist eine der stärksten und meist unterschätzten Barrieren für menschliche Verbindung. Mehr noch als Wut, Groll oder Überforderung entfernt sie uns leise von den Menschen, zu denen wir Nähe suchen, indem sie uns glauben macht, wir seien nicht würdig für Verständnis und Zuwendung. Unbearbeitet isoliert und erschöpft Scham uns; bewusst wahrgenommen und mit Mitgefühl betrachtet, kann sie hingegen ein Tor zu Heilung, Intimität und echter Verbindung sein.

Warum wir uns voneinander entfernen, obwohl wir uns Nähe wünschen

Wenn Sie mich fragen würden, was die größte Barriere zwischen uns und unseren Liebsten ist – oder was die tiefsten Grenzen zwischen Menschen schafft, würde ich ohne Zögern antworten: Scham. Ich habe erlebt, wie sie Mauern baut, die höher sind als Schuldgefühle, Groll oder gar Hass, und Menschen voneinander trennt. Oft, wenn wir das Gefühl haben, dass ein anderer Mensch uns nicht mag, sich nicht für uns interessiert oder uns nicht will, liegt es nicht daran, dass er uns wirklich ablehnt. Vielmehr steckt er selbst in einem Abwärtsspirale-Gefühl: nicht gut genug zu sein, nicht würdig oder beschämt zu sein. Meine Lieblingsautorin, Elizabeth Gilbert, beschreibt Scham einmal als einen Mantel, in dem wir uns verstecken – einen Mantel, der uns von anderen entfernt. Dieses Bild zeigt genau, wie isolierend und schwer Scham sein kann.

Was Scham so mächtig macht

Scham ist mehr als ein Gefühl – sie beeinflusst, wie wir uns selbst sehen und wie sicher wir uns in Beziehungen fühlen. Ihre Wirkung ist oft unsichtbar, aber tiefgreifend:

  • Intensive Selbstfokussierung – Scham lenkt unsere Aufmerksamkeit stark auf das, wofür wir uns schuldig oder schlecht fühlen. Sie ist oft mit vergangenen Erfahrungen verbunden, häufig aus der Kindheit, in denen wir uns bloßgestellt, bewertet oder allein mit unseren schmerzhaften Gefühlen fühlten. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Scham die im Gehirn für Bedrohung zuständigen Systeme aktiviert, wodurch Rückzug und Selbstschutz unsere automatische Reaktion werden.
  • Isolation – Scham vermittelt das Gefühl, allein zu sein. Wir nehmen an, andere würden uns nicht verstehen oder ablehnen, wodurch die Trennung noch größer wird – obwohl Scham ein universelles menschliches Erlebnis ist.
  • Selbstvorwürfe – Im Gegensatz zur Schuld, die sich auf Verhalten bezieht, greift Scham das Selbst an: „Ich bin falsch“ statt „Ich habe etwas falsch gemacht“. Aus diesem Zustand erscheint es oft unmöglich oder unerwünscht, Empathie, Fürsorge oder Nähe von anderen anzunehmen.
  • Emotionale Schwere – Scham kostet Energie, Hoffnung und Kreativität. Chronische Scham wird mit Depression, Angst und eingeschränkter Problemlösefähigkeit in Verbindung gebracht und lässt uns oft feststecken, ohne Lösungen sehen zu können.
  • Projektion – Wenn Scham zu schwer wird, wird sie oft auf andere projiziert und zeigt sich als Wut, Groll oder ängstlicher Rückzug. Das ursprüngliche innere Leiden schadet so den Beziehungen und verstärkt die Trennung – ein Teufelskreis.

Fazit

Scham zu bearbeiten und Wege zu finden, Schuld zu verarbeiten, sind entscheidende Schritte auf dem Weg zu Heilung und echter Verbindung. Sie ermöglichen es uns, Nähe, emotionale Sicherheit und Intimität wieder aufzubauen – und eine gesunde Beziehung zu uns selbst zu entwickeln. Da wir von Natur aus soziale Wesen sind, ist die Heilung von Scham nicht nur entscheidend für unsere Beziehungen, sondern grundlegend für ein erfülltes, gesundes und verbundenes Leben.

Literaturverzeichnis

Brown, B. (2021). Atlas of the heart: Mapping meaningful connection and the language of human experience. Random House.

Dearing, R. L., & Tangney, J. P. (2022). Shame in the therapy hour (2. Aufl.). American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/0000244-000

Gilbert, P. (2023). Compassion, shame, and psychotherapy: A transdiagnostic perspective. Psychotherapy, 60(2), 123–135. https://doi.org/10.1037/pst0000462

Kim, S., Thibodeau, R., & Jorgensen, R. S. (2020). Shame, guilt, and depressive symptoms: A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 146(7), 610–636. https://doi.org/10.1037/bul0000236

Scheff, T. J. (2021). Toward defining basic emotions: Shame and the social bond. Journal of Theory of Social Behaviour, 51(4), 607–623. https://doi.org/10.1111/jtsb.12302

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